Eine Leidenschaft - die Leiden schafft?
- Nadine Jäger-Kaufhold

- vor 3 Tagen
- 8 Min. Lesezeit

Ein Blick auf das heutige Single Dasein.
Bevor wir gemeinsam über missglückte Dates, gut gemeinte Ratschläge und die kleinen Eigenheiten des Alleinseins schmunzeln, möchte ich den Auftakt mit einem Gedicht machen.
Nicht aus einer romantischen, sondern zunächst aus einer analytischen Perspektive. Denn manchmal verrät uns ein Gedicht mehr über die Liebe und das Menschsein, als uns im ersten Moment bewusst ist.
Liebes – Lied
Rainer Maria Rilke
Wie soll ich meine Seele halten, dass sie nicht an deine rührt?
Wie soll ich sie hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas Verlorenem im Dunkel unterbringen an einer fremden stillen Stelle, dien icht weiter schwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich, nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich, der aus zwei Saiten eine Stimme zieht. Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süßes Lied.
Analyse
Das Gedicht „Liebes-Lied“ aus dem Jahr 1907, das der Epoche des Symbolismus zugeordnet wird, besteht aus einer einzigen Strophe mit 13 Versen. Entstanden ist es auf der italienischen Insel Capri.
Inhalt
Inhaltlich beschreibt das Gedicht zunächst den Wunsch des lyrischen Ichs, der Liebe zu entfliehen und die eigenen Gefühle an einem einsamen, stillen Ort zu verbergen. Die Liebe erscheint dabei zunächst als etwas, vor dem man sich schützen oder das man vor der Außenwelt verstecken möchte.
Im weiteren Verlauf wird jedoch deutlich, dass dieser Wunsch unerfüllbar bleibt. Die Liebe verbindet zwei Menschen auf eine Weise, die sich nicht einfach lösen oder verbergen lässt. Dieses Bild veranschaulicht der Dichter mit den beiden Saiten einer Geige: Erst gemeinsam erzeugen sie eine „Stimme“, einen harmonischen Klang. Die Metapher verdeutlicht, dass die Liebenden erst in ihrer Verbundenheit ein Ganzes bilden.
Ob dieses Idealbild der Liebe heute noch Bestand hat oder ob das moderne Single-Leben längst ganz eigene Melodien spielt, werden wir im Laufe dieses Blogs mit einem Augenzwinkern gemeinsam erkunden

Ich begegne immer wieder Menschen, die sich von Herzen eine Beziehung wünschen. Sie sehnen sich nach Nähe, Vertrauen und einem Menschen, mit dem sie das Leben teilen können. Trotzdem scheint es einfach nicht zu klappen.
Was ist da eigentlich los?
Was ist mit uns passiert? Was hat sich zwischen Männern und Frauen verändert?
Ich glaube nicht, dass es am „Material“ liegt, wie man so salopp sagt. Es gibt wunderbare Männer. Es gibt wunderbare Frauen. Daran mangelt es nicht.
Vielleicht suchen wir tatsächlich am falschen Ort.
Oder mit den falschen Erwartungen?
Oder wir laufen täglich am passenden Menschen vorbei, weil wir gerade damit beschäftigt sind, auf unser Handy zu schauen oder nach dem nächsten Warnsignal zu suchen.
Ich weiß es nicht.

Genau das möchte ich gemeinsam mit euch herausfinden. Ohne erhobenen Zeigefinger, ohne Patentrezepte und ganz bestimmt nicht bierernst.
Dafür mit einer guten Portion Humor, ehrlichen Gedanken und der Bereitschaft, auch über uns selbst zu lachen.
Denn wenn wir das nicht mehr können, wird das erste Date ohnehin ziemlich anstrengend.
Vielleicht sind viele schon längst auf der Suche nach einem Menschen, den es nur als KI-Version geben könnte:
groß, humorvoll, einfühlsam, sportlich, erfolgreich, spontan, tiefgründig, kinderlieb, handwerklich begabt, finanziell unabhängig und natürlich völlig frei von Macken.
Ich höre solche Wunschlisten immer wieder.
Dann werden sie feierlich ans Universum geschickt – möglichst mit Kerze, Räucherstäbchen und einer Portion Manifestation.
Jedes Mal denke ich, jedes Mal: Okay … das wird lustig.
Manchmal glaube ich, ich höre das Universum und seine Wunscherfüller schon von Weitem schallend lachen.

Jetzt mal im Ernst.
Jeder, der so um die fünfzig ist – mal ein paar Jahre mehr oder weniger –, hat seine Geschichte im Gepäck.
Beziehungen, Trennungen, Enttäuschungen, Hoffnungen, ein paar Narben und vielleicht auch den einen oder anderen Volltreffer.
Das gehört inzwischen zu uns wie die Butter aufs Brot.
Die einen schleppen ihren Koffer noch ziemlich schwer mit sich herum. Die anderen klopfen einmal den Staub ab, schließen den Reißverschluss und sagen: „Na gut, auf ein Neues.“
Soweit, so gut.
Wenn ich allerdings höre, was sich in den letzten Jahren auf dem Single-Markt so alles tummelt, frage ich mich manchmal, ob wir überhaupt noch einen Partner suchen oder uns gegenseitig durch ein Bewerbungsverfahren schicken.
Da wird geswipet, geghostet, optimiert und aussortiert, als ginge es um den Kauf einer Waschmaschine mit Energieeffizienzklasse A+++.
Bevor jetzt die ersten mit fragendem Blick weiterlesen:
Swipen bedeutet, Menschen mit einem Fingerwisch nach links oder rechts auszusortieren oder auszuwählen.
Ghosten bedeutet leider nicht, dass jemand Geisterjäger geworden ist. Nein. Man verschwindet einfach kommentarlos aus dem Leben eines anderen Menschen. Keine Nachricht. Kein Anruf. Nichts.
Früher nannte man so etwas, glaube ich, einfach unhöflich.
Heidewitzka.
Manchmal denke ich, die Partnersuche war früher ein Blind Date.
Heute wirkt sie eher wie die Endrunde bei „Deutschland sucht den Traumpartner“.
Nur dass die Jury aus Algorithmen, Checklisten und roten Fähnchen besteht.
Und ganz ehrlich?
Ich bin im Moment ausgesprochen glücklich, dass ich dafür keine Startnummer ziehen muss.

Natürlich war ich neugierig.
Ein eigenes Profil habe ich allerdings nicht. Also durfte ich gemeinsam mit meinen Freundinnen einen Blick durch deren Dating-Apps werfen.
Schon das war spannend.
Was mich allerdings noch mehr überrascht hat: Diese Apps möchten tatsächlich Geld dafür haben, dass man die große Liebe vielleicht finden könnte.
Da musste ich erst einmal schlucken.
Liebe als Abo-Modell.
Herzklopfen gegen Monatsgebühr.
Vielleicht gibt es demnächst noch eine Premium-Version: „Für nur 9,99 € im Monat erhöhen wir Ihre Chance auf Schmetterlinge im Bauch um 37 Prozent.“
Ich weiß ja nicht …
Irgendwie hat mich dieser Gedanke beschäftigt. Liebe war einmal etwas, das uns einfach begegnete.
Heute wirkt es manchmal, als hätte Amor eine Marketingabteilung gegründet und würde seine Pfeile nur noch gegen Aufpreis verschießen.

Nun ja … was soll ich sagen?
Mein Gesichtsausdruck erinnerte zeitweise an jemanden, der gerade beherzt in eine Zitrone gebissen hat.
Ich bin nicht hier, um Menschen zu bewerten.
Jeder bringt seine Geschichte mit, jeder hat seine Ecken und Kanten und jeder verdient die Chance, geliebt zu werden.
Aber bei manchen Profilen frage ich mich schon ernsthaft, ob dort wirklich ein Partner gesucht wird.
Oder ob das Motto eher lautet: „Irgendein blindes Huhn wird schon irgendwann ein Korn finden.“
Versteht mich nicht falsch.
Es geht nicht um Falten, Bauchumfang oder graue Haare. Die bekommen wir mit etwas Glück alle.
Ich frage mich eher, warum wir uns manchmal so wenig Mühe geben, wenn wir uns doch eigentlich von unserer schönsten Seite zeigen möchten.
Ein verschwommenes Badezimmerfoto.
Ein Blick, der sagt: „Ich wollte hier eigentlich gar nicht sein.“
Dazu drei Worte und der romantische Höhepunkt lautet: „Frag einfach.“
Da denke ich mir jedes Mal: Wenn das deine persönliche Visitenkarte ist – wie sieht dann erst der Rest aus?
Vielleicht bin ich da altmodisch.
Aber wenn ich einen Menschen fürs Leben suche, dann darf sich das auch in meiner Anzeige widerspiegeln.
Nicht geschniegelt bis zur Unkenntlichkeit, sondern ehrlich, sympathisch und mit dem Gefühl: Diesen Menschen würde ich gerne kennenlernen.

Auch mit den Bildern ist das inzwischen so eine Sache.
Die KI kann heute wirklich großartige Bilder aus uns machen. Ein bisschen romantischer, ein paar Fältchen weniger, die Haut etwas glatter, das Licht schmeichelhafter, die Haare voller und wenn wir schon dabei sind, darf es natürlich auch noch eine Spur sexyr sein.
Ein Klick hier, ein kleiner Wunsch dort – und plötzlich schaut uns aus dem eigenen Profil eine Version von uns entgegen, bei der selbst wir kurz überlegen: Donnerwetter, die würde ich auch kennenlernen.
Dagegen ist zunächst überhaupt nichts einzuwenden. Schließlich suchen vermutlich die wenigsten freiwillig das Foto heraus, auf dem sie morgens um halb sieben mit zerzausten Haaren und Kissenabdruck im Gesicht in die Kaffeemaschine starren.
Ein bisschen Schokoladenseite darf schon sein.
Schwierig wird es nur, wenn aus der Schokoladenseite irgendwann eine komplett neue Pralinenschachtel geworden ist.
Denn irgendwann kommt der Tag des ersten Treffens. Spätestens dann sitzt nicht die KI am Tisch, sondern wir.
Mit unseren Falten, unserem echten Lachen, unseren kleinen Macken und genau dem Gesicht, das unser Leben nun einmal gezeichnet hat.
Vielleicht liegt genau darin sogar der größere Reiz: sich ein bisschen schöner zu zeigen, ohne dabei jemand anderes zu werden.
Sonst wird aus dem ersten Date womöglich kein Schmetterling im Bauch, sondern erst einmal die Frage:
„Entschuldigung … warten Sie auch auf jemanden?“

Vielleicht lohnt es sich, die Wunschliste an das Universum einmal zu überdenken.
Nicht die Kerzen. Nicht das Räucherwerk. Nicht das ganze spirituelle Gedöns entscheiden darüber, ob ein Wunsch in Erfüllung geht. Vielleicht beginnt alles mit einer viel einfacheren Frage:
Bin ich ehrlich zu mir selbst?
Vielleicht lautet der Wunsch künftig einfach:
„Schick mir den Menschen, der wirklich zu mir passt.“
Einen Menschen, mit dem ich lachen kann. Mit dem ich durch dick und dünn gehen möchte. Einen Menschen, bei dem ich mich nicht verstellen muss und der sich neben mir genauso wenig verstellen muss.
Vielleicht klappt es dann auch mit der Wunscherfüllung.
Nicht den schönsten Mann der Welt.
Sondern den schönsten Mann für mich.
Nicht die attraktivste Frau.
Sondern die Frau, deren Lächeln für mich schöner ist als jedes perfekte Gesicht.
Nicht den erfolgreichsten Menschen.
Sondern den, mit dem Erfolg plötzlich eine ganz andere Bedeutung bekommt.
Denn am Ende entscheidet nicht die Welt, wer zu uns passt.
Sondern unser Herz.
Vielleicht bedeutet Ehrlichkeit auch, sich zu fragen, was sich hinter den eigenen Wünschen verbirgt.
Ist es wirklich der geschniegelt aussehende Manager, der auf jedem Foto glänzt, aber seine Firma häufiger sieht als den Menschen an seiner Seite?
Oder die sexy Traumfrau mit den perfekt aufgespritzten Lippen und ... nun ja ... den Rest sparen wir uns heute lieber.
Oder ist es vielleicht der Mensch, der einen nach einem langen Tag einfach anschaut, schmunzelt und mit diesem einen Blick mehr Ruhe schenkt als tausend perfekte Fotos?

Ein Gedanke liegt mir dabei besonders am Herzen:
Ein Partner ist weder Therapeut noch Patient.
Er ist auch keine Mutter und kein Vater, die all das nachholen sollen, was im Leben vielleicht gefehlt hat.
Eine Beziehung ist keine Reha-Maßnahme.
Sie ist kein Reparaturbetrieb für die Wunden der Vergangenheit.
Zwei Menschen können sich gegenseitig stärken, auffangen und begleiten.
Aber sie müssen nicht das Leben des anderen tragen.
Vielleicht beginnt eine gesunde Beziehung genau dort, wo zwei erwachsene Menschen sagen können:
„Ich gehe meinen Weg. Du gehst deinen Weg und wenn wir beide möchten, gehen wir ein großes Stück gemeinsam.“
Falls das Universum tatsächlich eine Wunsch-Hotline hat, wäre genau das meine Bestellung.
Fazit
Liebe Weiber und liebe Kerle,
lasst euch von dem ganzen Trubel da draußen nicht entmutigen und schon gar nicht verwirren.
Hört auf, nach dem perfekten Menschen zu suchen.
Vielleicht steht eure Rose gerade hinter irgendeinem Blumentopf im Baumarkt. Vielleicht entpuppt sich ausgerechnet der nächste Tollpatsch als das schönste Geschenk des Universums
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Wer weiß das schon?
Vielleicht hilft uns allen wieder ein bisschen mehr Mut, einem Menschen wirklich zu begegnen. Ein bisschen mehr Toleranz. Ein bisschen mehr Entgegenkommen und vielleicht auch die Bereitschaft, nicht beim ersten schiefen Satz, der falschen Jacke oder der dritten Macke gleich das Weite zu suchen.
Ich höre so oft Sätze wie: „Du musst erst einmal lernen, dich selbst zu lieben.“ Oder: „Setze konsequent deine Grenzen.“
Ernsthaft?
Ja, Selbstliebe ist wichtig.
Ja, gesunde Grenzen sind wichtig.
Aber vielleicht lohnt es sich, dabei eines nicht aus den Augen zu verlieren:
Liebe ist kein Einzelprojekt.

Sie entsteht nicht nur in uns selbst. Sie entsteht auch zwischen zwei Menschen. Im Zuhören. Im Verstehen. Im Nachgeben. Im Lachen. Im gemeinsamen Wachsen.
Manchmal haben wir den Eindruck, alles allein lösen zu müssen. Doch eine gute Beziehung besteht nicht aus zwei perfekten Menschen, sondern aus zwei Menschen, die bereit sind, miteinander zu wachsen.
Bleibt höflich zueinander.
Bleibt neugierig.
Falls es am Ende doch nicht passt, dann ist das eben so.
Dann geht jeder seinen Weg weiter – mit Respekt, ohne Drama und ohne dem anderen das Gefühl zu geben, nur ein weiterer Fehlversuch gewesen zu sein.
Denn vielleicht wartet hinter dem nächsten Blumentopf tatsächlich schon jemand.
Nicht der perfekte Mensch.
Sondern genau der Mensch, der für euch der Schönste ist.

Noch eine kleine Anmerkung in eigener Sache:
Das Leben hält sich leider nicht immer an den Plan.
Es stolpert, rumpelt und verteilt gelegentlich Aufgaben, nach denen niemand gefragt hat.
Genau für solche Tage höre ich euch gerne zu.
Meiner Erfahrung nach lösen sich zwar nicht alle Probleme in Luft auf.
Nach einem guten Gespräch, einem herzhaften Lachen und – ganz bodenständig – einer Weinschorle sehen sie aber erstaunlich oft schon ein gutes Stück kleiner aus.
Manchmal braucht es genau das, damit die Welt wieder in ihren schönsten Farben schillert.
In diesem Sinne schicke ich meine Gedanken wieder hinaus in die Welt.
Mögen sie den einen oder anderen Menschen zum Lächeln bringen, zum Nachdenken anregen oder vielleicht sogar den Mut schenken, der Liebe noch einmal eine Chance zu geben.
Herzlichst Nadine




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